Tiziana Bertoncini
Tiziana Bertoncini
Elisabeth Harnik
Elisabeth Harnik
Thomas Lehn
Thomas Lehn
Bild: Guenter Kraemmer

BERTONCINI – HARNIK – LEHN

Man sieht und hört sich: die Grazerin Elisabeth Harnik und der Kölner Thomas Lehn trafen sich immer mal wieder, so 2008 beim artacts-Festival in St. Johann/Tirol, oder als Lehn mit dem Trio futch (mit Jon Rose und Johannes Bauer) in Graz konzertierte. Bei futch war auch Johannes Bauer, der mit Clayton Thomas und Harnik wiederum das Trio Sydney-Graz-Berlin bildet, dabei – what goes around, comes around. Beim ersten Kölner alpen:glühen-Festival dann traf man sich erneut, diesmal auch mit Tiziana Bertoncini, und eine Kollaboration für Graz wurde erstmals angedacht. Lehn und die grundsätzlich eher am Kompositorischen interessierte Bertoncini spielen auch beim zeitgenössischen Ensemble ]h[iatus, das auch für Harnik als Komponistin sehr reizvoll ist – auch darüber ergaben sich interessante, zufällige wie gleichsam wohl unausweichliche Kontakte. Harnik schätzt zudem die offenen rheinländischen Umgangsformen und die extrem vielen Verbindungen und Foren, die es für zeitgenössische Komposition und Neue Musik in der Region gibt. Zudem gefiel es ihr, dass viele Kölner die kreativ-strukturelle Abwanderung nach Berlin mit einem gewissen rheinischen Selbstbewusstsein ausgestattet nicht mitmachen.

Wo steht die Komponistin und Musikerin Harnik aktuell? Sie macht sich keine Vorgaben und setzt auf das freie Spiel, oft und gerne auch in ad-hoc-Besetzungen, wobei sie Spieler mag, die eine eigene starke Sprache haben. Keineswegs steht sie auf rigorose Konzepte à la Jazz, der nicht ihre Herkunft ist und den sie eher als einengend empfindet, vielmehr sucht sie dezidiert Schlüssel, damit ein musikalisches Konzept offen bleiben kann. Früher gab es bei Harnik gar keine Konzepte, es musste immer frei und offen sein, heute indes soll aus dem freien Spiel noch eine andere Ebene erreicht werden können. Die Musik sollte also strukturiert, fokussiert und konzentriert, aber auf jeden Fall auch offen und beweglich sein; die Vision ist: Beweglichkeit! „Komposition und Improvisation“, sagt sie, „sind wie mit einem Gummiband verbunden: sie nähern sich immer wieder an, entfernen sich aber auch wieder.“ Harnik, die früher bei diesen beiden Bereichen schon Trennkost hielt, setzt heute definitiv auf eine Art verbindende Ökonomie, welche die beiden Felder auf kompakte Art zu gegenseitiger Befruchtung und Antrieb anreizen kann.

Eine explizite Verbindung und Auslotung der Felder Komposition und Improvisation liegt auch im Interesse von Bertoncini und Lehn, weshalb sie im Juni 2009 in Köln das Festival Comprovise kuratieren und organisieren. Dies dreht sich ganz zentral um die Begegnung von Neuer und Improvisierter Musik, denn diese Felder gehören für Bertoncini/Lehn definitiv verbunden. Lehn konstatiert mittlerweile mehr oder weniger starke Verschiebungen oder zumindest Nischen in den Strukturen der Aufführungspraxis, gleich ob in Huddersfield, Donaueschingen oder Witten. Ein Festival indes, das sich explizit der abstrakten Musik, der Betonung von freien Idiomen darin sowie dem Ausloten der dialektischen Widersprüche widmet, findet er schon sehr spannend. Präsentationsziel von Comprovise ist daher eine Mischform auskomponierter und gar nicht notierter Stücke wie auch deren diskursive Verhandlung in Form von Impulsreferaten und Podiumsdiskussionen.

Der Musiker Lehn selbst hat sich vor allem als versierter Analogsynthesizerspieler und -experte einen Namen gemacht. Er hat in Köln Klassik und Jazz studiert, kam aber nach seinem Studium ab 1987 immer stärker in die Szene freier Musik hinein. Sein musikalisches Hauptinteresse ist es, das Virtuosentum zu transzendieren. Lehn sieht in seiner frei improvisierten Synthesizermusik keinen Unterschied zu klassischen Pianisten oder Songwritern: „Es ist das Gleiche, nur anders. Hörpsychologisch geht es um Verzückung, Faszinosum, Anrührung auf einer tieferen Ebene, ja Verzauberung.“ Lehn wählt hierfür die abstrakten und nicht einsortierbaren Klänge ohne Rhythmus und Melodie, wo beim Hören noch am wenigsten eine Instant-Identität einrasten kann. Stilfragen interessieren ihn dabei weniger. Seine letzten Alben-Projekte legen eindrucksvolles Zeugnis für diese stetig findende Suche ab. Mit der Kölner Elektronik-Kapazität Markus Schmickler besuchte er auf Navigation im Hypertext zig eigene analoge Fragmente im digitalen Möglichkeitsraum zur Re-Inventarisierung und nonidentitären Rekonstruktion, auf dem Album Kölner Kranz dagegen widmet sich dasselbe Duo der beherzten Brachialimprovisation ohne Rücksicht auf Verluste.

Heute bezeichnet sich Lehn als Autor von Gegenwartsmusik und Neuer Musik, als Performer-Composer, der auch in letzter Zeit verstärkt wieder notierte Kompositionen erarbeitet. Auch beim Projekt Grauzone mit Bertoncini und Achim Tang folgt er dem Fokus, für Improvisatoren zu komponieren, ohne dass sich die Prozesse gegenseitig behindern, sondern gleichzeitig wirken können. „Wir wollen es durchdringend und wesensimmanent haben – das ist nach wie vor eine fruchtbare und spannende Frage.“ Die Korrespondenz mit Fragestellungen, die auch aktuell für Elisabeth Harnik immer wichtiger geworden sind, ist bei Bertonicini und Lehn frappant. Beim V:NM aber ist wieder einmal alles anders, denn, so Lehn: „Wahrscheinlich ist ein Ad-Hoc-Auftritt aus dem Moment heraus.“ Man sieht und hört sich.

Tiziana Bertoncini – violin
Elisabeth Harnik – piano
Thomas Lehn – synthesizer

Zu Tiziana Bertoncini siehe Projekt SPECTRASONIC

close